|
Zeitzeugenberichte |
|---|
Die folgenden Interviews mit Überlebenden des Massakers von Dory , in der Region Woloshin, Gebiet Minsk, wurden von Dieter Ebert und Klaus Kobs am 6.1. 1997 in der Schule in Dory geführt. Die Interviews sind aufgezeichnet und von einer Lehrerin aus Woloshin wortwörtlich übersetzt und hier etwas gekürzt ansonsten unverändert wiedergegeben.
Mit den Berichten für das Friedensnetz war für die Überlebenden verbunden, dass die Zeit vor 55 Jahren wieder ganz nahe kam. Der Schmerz, die Trauer, die Angst und die Verzweiflung waren wieder da. as sie diese Berichte trotzdem und dann noch für Deutsche gegeben haben, verdient große Achtung, Anerkennung und Dank.
Jusefa Ignatjewna Kulik (J.K.) aus Dora, 74 Jahre
„Ich beginne vom Anfang an. Das war am 23. Juli. Als die Glocken in der Kirche in Dorys ertönten, waren wir umzingelt. Es gelang keinem zu flüchten. Nur es gelang manchen, sich irgendwo unter dem Strauch zu verstecken. Und dann... Als die Glocken ertönten, begann man uns umzubringen und zu verbrennen. Man hat die Häuser in Brand gesetzt. Alles.
Frage: Wo waren Sie?
J.K.: Zu Hause. In Scharai. Die ganze Nacht schon nicht geschlafen. Die Nachricht über dieses Vorhaben hat man uns teilweise mitgeteilt. Es gab die Nachricht. Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen. Also, um 5 Uhr ertönten die Glocken, und man begann alles in Brand zu setzen. Dort bei Scharai gab es ein Vorwerk. Von dort kam angerannt eine Frau. Man brachte die Leute dort am Wald im Haus um, und durch des Schicksals Fügung versteckte sich diese Frau mit dem Kind unter dem Bett, und dann durch das Fenster rannte in den Wald. So. ...Durch Roggenschlag... Der Roggen wurde gesät. Der Roggen war zu jener Zeit gut. Und sie rannte durch den Roggenschlag, durch den Feld ins Dorf zu uns. “Warum sitzt ihr? Man hat alle getötet, meine Verwandtschaft getötet. Ich bin nur mit dem Kind geblieben. Und nun bin ich gekommen. Flüchtet!“ Und wohin kann man flüchten? Alles ist abgesperrt. Nun kamen wir alle zusammen. Jemand sagte: “Wenn jemand flüchtet, wird man die Häuser anzünden“.
Frage: Aber sie waren nicht alleine, wer war noch da?
J.K.: Mutter, Bruder. Mein Vater ist vor der Blockade im Winter 1943 gestorben. Und als sie uns diese Nachricht brachte, versammelten wir uns und sagten: “Wir gehen, wenn es uns bestimmt ist. Was macht man mit uns ?“ Wir wussten nicht, wo wir uns lassen sollten. Wir gingen auf die Straße, versteckten uns nicht, flüchteten nicht. Was uns bestimmt ist, ist bestimmt, vor dem Schicksal kann man nicht flüchten. Die SS-Leute hatten schon viele Leute im Dorf erschossen, auch junge Leute, die Schwester und den Bruder Trombizkij aus unserem Dorf. Aber jemand verwundete auch den SS-Chef.
Frage: Aber das ist jetzt nicht in Dory, was Sie erzählen?
J.K.: In Scharai. Ich war damals noch nicht verheiratet. Jetzt wohne ich in Dory. In der selben Zeit wurden Dory, die Kirche in Dory in Brand gesetzt. Alles ringsum geriet in Brand. Wir dachten, dass alles in Asche gelegt wird: Dory, Scharai, Sredneje Selo. Alles brannte ringsum. Man jagte uns in ein Haus in Scharai und wollte uns dort verbrennen. Dieses Haus wurde noch nicht ganz gebaut, es gab keine Fenster und Türen. Und es gelang nicht, dieses Haus anzuzünden. Man jagte uns dann in Dubowzy. Und dort wurden alle Leute in zwei Gruppen geteilt: die einen - nach rechts, die anderen - nach links.
Frage: Die ganzen Einwohner sind zusammen getrieben worden, und Sie waren dabei.
J.K.: Ja. Meine Mutter und drei Brüder gerieten in die rechte Seite, und wir zu viert nach links. Die linke Seite - auf die Arbeit, die rechte - ins Feuer in Lapizy (Dorf in der Nähe). Dort gibt es ein Denkmal. Das ist ein schöner Platz, die Gedenkstätte die Erinnerung und die Mahnung für das ganze Leben für unsere Enkelkinder, Urenkel und für die ganze Welt. Die Leute waren in die Heuscheune zusammen getrieben und lebendig verbrannt. Mehr als 100 Leute.
Und Kulik aus Scharai... Er war vor kurzem aus der Armee gekommen. Er war ein junger, immer ordentlicher Mann... Die Deutschen dachten, dass er anscheinend den SS-Chef verwundet hatte. Wisst ihr was? Man konnte kaum anschauen. Man verprügelte ihn, verprügelte mit den Gewehrkolben, das ganze Gesicht. Seine Kleidung wurde zerrissen.
Frage: Waren Sie bei der rechten oder bei der linken Seite?
J.K.: bei der linken.
Frage: Die linke, die eigentlich verbrannt werden sollte.
J.K.: Nein. Die rechte sollte verbrannt werden. Der ältere Bruder, der 13 Jahre alt war, wurde fünfmal an unsere Gruppe angeschlossen, aber jedes mal wollte er zu seiner Mutter. „Mütterchen, wo ist Mama ? Wo du bist, will ich auch sein.“ Und er schloss sich zu uns nicht an. Und er wurde verbrannt, auch drei Brüder und die Mutter. Der Vater war gestorben. So war jenes Jahr. (...) Und man verspottete diesen jungen Mann Kulik,er wurde so wie Jesus Christus gequält. Man verdrahtete ihm den Hals, die Hände, dann band man ihn mit dem Stacheldraht zum Pferd, man jagte das Pferd, aber Kulik konnte nicht laufen, seine Beine waren kraftlos. Man jagte ihn in Mischany. Dort band man ihn zum Schuppen an und zündeten ihn an. Irgendwie gelang es ihm sich loszureißen, er wollte fortlaufen. Er lief durch den Leinfeld und fiel zu Boden. Die Deutschen holten ihn ein und verprügelten mit den Gewehrkolben und mit den Füßen. Dann zog man ihn zum Feuer und verbrannte. Verzeihung, was ich kann, habe ich im Groben und Ganzen erzählt. Es war sehr schwer, das alles zu überleben. (...) Als die Menschen in Lapizy brannten, fuhren die Deutschen hin und zurück. Jemand verstand, dass sie sagten: “Lebendig, wie die Hunde. Sie sterben nicht so schnell“. Sie warfen noch drei Granaten.
Herzlichen Dank, dass Sie uns das erzählt haben, wir wissen, dass es sehr schwer war.
J.K.: So schwer. Es war sehr schwer, von den Verwandten Abschied zu nehmen. Wenn ein Mensch krank ist und stirbt, es ist etwas anderes... Das waren gesunde Leute. Wir wollen im Frieden leben. Wir wünschen, dass es nie wieder passiert, dass keiner das wieder sieht, auch unsere Feinde. Gott, gib uns, dass wir alle im Frieden, freundlich, ruhig leben. Ich kann nicht verstehen, warum das passiert ist.
Maria Nikolajewna Grischtschuk (M.G.)
Ich bin in einem Dorf, ein halbes Kilometer von Dory entfernt, geboren. Zur Zeit wohne ich in Dory. Mein Onkel war Deputierter. Als die Deutschen kamen, hatte er Angst, dass jemand ihnen das erzählt. Als die Kirche in Dory in Brand angesteckt wurde, war die Flamme von unserem Haus zu sehen. Durch das Fenster hatten wir gesehen, dass die Deutschen fuhren. Mein Onkel erkannte die Uniform mit Armbinden. Er schrie: „Verlasst alles! Sie werden alles in Brand setzen und die Menschen töten. (...) Zuerst hat man die Kirche in Brand gesetzt und dann das Dorf. Wer im Dorf war, war zur Kirche zusammen getrieben worden. In unserem Dorf gab es einen Fluss. Wir sind zu diesem Fluss weggelaufen, unsere ganze Familie. Keiner wurde getötet. Nur mein Bruder hütete die Kühe. Er war 11. Die SS-Leute haben ihn gefangen genommen und er musste sie mit dem Pferd fahren. Er war in Sredneje Selo. Er fuhr SS und hatte Angst. Dann hat man ihn zusammen mit anderen Leuten nach Minsk gebracht, in Krasnorotschischtsche. Aber nach 5 Tagen wurde er freigelassen, weil er noch klein war. Unser Haus und alles im Haus ist verbrannt worden. Und wir sind weggelaufen. Wir haben uns in die Büsche versteckt. Dort gab es keine Häuser, deshalb hat man dort nicht gesucht.
Frage: Und wie lange haben Sie sich versteckt?
M.G.: Bis alles ruhig wurde. bis alles brannte. Dann gingen wir in Saretschje durch den Fluss. Dort gab es unsere Verwandte. Sie haben uns beherbergt. Wir hatten Angst, dass die Soldaten wieder kommen alle anderen töten, die geblieben sind, die lebendig sind. Keiner wusste etwas. In zwei Häusern, die an unserem Haus standen, wurden alle Bewohner erschossen, in einem fünf Personen, in einem anderen sechs. Wir hörten Schüsse. Wenn der Onkel die SS-Leute durch das Fenster nicht gesehen hatte, würden wir alle auch erschossen werden.
Frage: Und dann... Nachdem Sie das Gefühl hatten, dass die Soldaten weg sind, sind Sie nach Hause gegangen.
M.G.: Nein. Wir gingen nach Saretschje. Hierher sind wir nicht zurückgekehrt.
Frage: Aber irgendwann sind Sie nach Hause gekommen und haben nachgesehen, was noch da ist. Oder?
M.G.: Natürlich. Am nächsten Tag. Was gab es dort zu gucken ? Wir saßen unter den Büschen. Der Regen war vorbei. Das Haus wurde in Asche gelegt. Nur der Ofen war geblieben. Es gab nichts zu essen. Mein Vater und mein
Onkel sind früher dorthin gegangen. An dem selben Tag. Am Abend. Und wir Kinder durften nicht. Am nächsten Tag gingen wir auch. Die Leichen lagen. Die Öfen waren zerstört. Irgendwo haben unverbrannte Holzstämme die Leichen angepresst. Im Dorf Saretschje nahm man Brettmaterial, machte Särge, beerdigte die Leichen. Zwei meine Vetter wurden getötet.
Frage: Sie waren ein junges Mädchen. Was haben Sie gefühlt? Können Sie daran erinnern?
M.G.: Was habe ich gefühlt? Kein Essen, keine Kleidung... Wir hatten Angst. Drei Jahre hatten wir Angst. Die Deutschen sind hier geblieben. Wir hatten Angst, dass wieder so etwas passiert. Die Leute begannen, Häuser wieder aufzubauen. Unser Opa gab uns einen Schuppen. Er wohnte in Oserzy. Dieses Dorf wurde nicht verbrannt. Aus diesem Schuppen haben wir ein Haus gebaut. Wir hatten Angst, dass auch dieses Haus in Asche gelegt wird. (...) Aber die Ursache, dass die Leute und die Häuser verbrannt worden waren, lag darin, dass der Sohn des Priesters in Dory getötet worden war. Im Dorf sagte man, dass das die Partisanen gemacht hatten. Und dann begann es... Ich weiß nicht, ob es wirklich so war. Wer weißt das? Die Macht war so damals: in der Nacht - die Partisanen, am Tage - die Deutschen.
Frage: Aber, stimmt diese Geschichte ? Ist der Sohn des Priesters von den Partisanen ermordet worden oder wird es nur erzählt?
M.G.: Wer weißt ? Man sagte, dass das die Partisanen gemacht hatten. Man hatte ihn in Neluby ermordet. Andere sagen, dass die Polizisten ihn ermordet haben, weil er schlecht war, weil er sich schlecht auf sie bezogen hat. In der Polizei gab es auch unsere Weißrusse.
Frage: Ich habe auch schon einmal gehört, dass man gesagt hat: die Kirche in Dory ist darum abgebrannt worden, weil die Bevölkerung von Dory Lebensmittel für die Partisanen in der Kirche versteckt hatten.
M.G.: Nein. Es stimmt nicht. Damals gab es noch wenig Partisanen. Es gab viel Partisanen, als alles abgebrannt worden war. Die Menschen hatten nichts zu essen, nichts anzuziehen. Und zu den Partisanen waren auch die Leute angeschlossen worden, die aus der Gefangenschaft geflüchtet hatten. Sie sammelten sich in den Wäldern.
Mein Mann ging zu den Partisanen. Er war damals 17. Als alles abgebrannt worden war, haben sie beschlossen: entweder nach Deutschland, oder Tod. Dann ging man zu den Partisanen. Zuerst gab es wenig Partisanen. Unter
den Partisanen waren auch Menschen, die aus der Armee oder aus KZ geflüchtet waren. Die Partisanen waren in Perschai, in Nalibokskaja Puschtscha. Aber sie kamen hierher, um Nahrungsmittel zu nehmen. Die Deutschen sammelten Eier, Butter am Tage, die Partisanen - in der Nacht. Sogar Brot fehlte. Die Deutschen haben alle Dörfer abgesperrt. Sofort wurden junge Leute ausgesucht und zur Kirche gejagt. Auch alte Leute waren dabei. Und hier an der Kirche wurden die Leute nochmals sortiert: die einigen - auf die Arbeit, die anderen - Vieh treiben, die dritten - ins Feuer. Wenn die Soldaten die alten Leute zu Hause fanden, erschossen sie sie. Man hat viele Familien erschossen: Trombizkij, Kapusta, Kwatsch. In unserem Dorf Makritschewschtschina hat man alle Menschen, die zu Hause waren, ermordet. Die SS-Leute haben die Leute in einen Blockbau gejagt. Aber die Leute begannen zu weinen und zu bitten. Dann sprach einer vom SS polnisch: “Flüchtet!“ Wenn jemandem gelang es zu flüchten, der blieb am Leben. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte... Wir waren in anderthalb Kilometer von hier? Die deutschen Truppen marschierten von Minsk Richtung Radoschkowitschi, Bakschty und hierher. Sie kamen gegen Mittag. Das war in Juli. Die ganze Truppe kam. Sie kamen zu einem Besitzer, der 10 Hektar Acker hatte. Sie kamen nicht 5, nicht 10 Soldaten, sondern die ganze Truppe. Also, sie kamen zu diesem Mann, bestellten Mittagessen: Eier, Speck, Butter. Der Hausherr hat die Flasche mit Wodka auf den Tisch gestellt. Sie hatten auch was zu essen mit. Sie haben die Karte auf den Tisch gelegt. Auf dieser Karte waren viele Dörfer rot unterstrichen: Neluby, Dory, Jazkowo, Dubowzy, Perschai. Diese rot unterstrichene Dörfer wurden zum Abbrennen vorausbestimmt. Die Deutschen blieben bei diesem Mann 2 oder 3 Stunden. Er ist schon verstorben. Er konnte mehr erzählen. Der Soldat, der an der Wache stand, sagte ihm: “Verstecke dich! Es spielt keine Rolle, dass sie mit dir essen und trinken. Sie sind nicht mit der Wohltat gekommen. Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Das war am Abend. Etwa um 18 Uhr. Ich war 18. Aber ich war sehr geschwind. Die Soldaten gingen durch unser Dorf. Einige waren auch in unserem Hof, im Haus aber nicht. Unser Haus war nicht weit vom Wald. Mein Vater, die Mutter und die Schwester, alle sind geflüchtet. Und ich beobachtete, was sie machten. Sie wollten die Kuh und das Pferd mitnehmen. Die Kuh haben sie genommen, aber das Pferd hat sich nicht gegeben. Dann lief ich durch den Hof zu meiner Tante und erzählte ihr, dass die Deutschen im Dorf sind. Aber wir wussten nicht, was sie machen werden. Und am Morgen um 4 Uhr ertönten in der Kirche in Dory die Glocken, siebenmal oder fünfmal. Dann begann dieser Massaker. Die Soldaten kamen in die Häuser, die alten Leute wurden erschossen, die jungen Leute wurden auf die Arbeit getrieben.
Frage: Haben Sie gesehen, wie die Kirche angezündet war? Haben Sie das direkt gesehen, oder haben Sie gesehen, als sie brannte?
M.G.: Nein, nicht gesehen. Ich bin geflüchtet. Ich weiß nicht, ob ihr mir glaubt. Vier Soldaten schossen auf mich aus Maschinengewehr aus Entfernung 250 m, aber keiner traf. Zuerst wurde die Kirche abgebrannt. Dann hat man im Haus von Temnizkij noch 20 Leute verbrannt. Ein alter Mann Denissik ist geblieben und später hat alles erzählt. Die jungen Leute wurden auf die Arbeit gejagt. Frage: Waren noch mehr jüngere Leute in Ihrem Alter, die weggelaufen sind, die sich versteckt haben? Die Leute versteckten sich, wie man konnte. Zur Zeit sind Felder überall. Und damals waren Sträucher ringsum, Roggen war hoch. Die versteckten sich in den Roggen. Sie wurden dort nicht gesucht.